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Den Ton im Ohr leiser machen

Die Lebensqualität eines Betroffenen kann durch einen Tinnitus sehr stark beeinträchtigt werden, auch wenn dieser nicht lebensbedrohlich ist. Bei akuten Beschwerden haben die betroffenen Patienten jedoch eine gute Prognose. Eine Linderung ist zumindest bei den meisten Betroffenen mit einem chronischem Tinnitus möglich.

Unter einem Tinnitus versteht man die subjektive Wahrnehmung eines Ohrgeräusch ohne das tatsächlich ein Geräusch von außen an das Ohr dringt. Das Geräusch bzw. der Ton kann dauerhaft vorhanden sein oder intermittierend auftreten. Wichtiger als diese Unterscheidung ist für Ärzte in der Praxis aber, ob der Tinnitus kompensiert oder dekompensiert ist.

Ob er einen Krankheitswert hat und der Patienten sich gestört fühlt oder nicht, sagte HNO-Arzt Dr. Frank Waldfahrer vom Universitätsklinikum Erlangen gestern bei einer Veranstaltung der Reihe Pharma-World bei der Expopharm Impuls, sei ein wichtiges Kriterium. 

Eine Störung im Innenohr, auf Ebene der Haarzellen, liegt in den meisten Fällen zugrunde. Ein struktureller Schaden ist dauerhaft, da sich diese Zellen nicht regenerieren können. Waldfahrer informierte auch darüber, dass es jedoch auch reversible Schäden gibt, die auf einer metabolischen Ursache beruhen. In diesem Fall besteht die Möglichkeit, den Tinnitus rasch wieder verschwinden zu lassen, teilte er mit. Betroffene sollten sich beim Auftreten eines Tinnitus möglichst rasch einem Arzt vorstellen, um die therapeutischen Möglichkeiten auszuloten und optimal zu nutzen.

Ein Apotheker kann jedoch zur Überbrückung ein OTC-Präparat empfehlen. Etwa Magnesium – wobei das protektiv besser wirke – oder Ginkgo biloba. Eine vorläufige Therapie störe die Diagnostik nicht, betonte der HNO-Arzt.

Akuttherapie mit Prednisolon

Durch Lärm verursacht, oder aber ohne erkennbaren äußeren Auslöser kann ein Tinnitus auftreten. In diesem Fall sei die Prognose besser als in dem Fall, wo Lärm der Auslöser ist. Man könne unter Umständen sogar einfach nur abwarten, sagte Waldfahrer. In den meisten Fällen wird jedoch Cortison verordnet, und zwar jeweils 250 mg Prednisolon an drei aufeinanderfolgenden Tagen.

Sollte dennoch eine Besserung ausbleiben, besteht die Möglichkeit der intratympanalen Gabe eines Steroids, in der Regel Dexamethason. Pentoxifyllin, Naftidrofuryl und HAES sind jedoch nicht mehr State of the Art. Begleitend bzw. alternativ zur Steroidtherapie kommt wiederum Ginkgo biloba infrage.

Von einer Chronifizierung des Tinnitus spricht man, wenn das Ohrgeräusch nicht innerhalb von drei Monaten wieder verschwunden ist.

Wie das passieren kann? Waldfahrer benutzte zur Erklärung das Foto eines alten Röhrenmonitors: Ließ man darauf ein Bild eine längere Zeit stehen, hatte es sich eingebrannt. Beim Tinnitus passiert genau das: Dadurch, dass das Innenohr dauernd einen bestimmten Ton produziert, brennt sich das ins Gehirn ein. Die Chronifizierung sei also eine Zentralisierung. Der Ton werde dann nicht mehr im Innenohr generiert, sondern im Gehirn; somit sei ein chronischer Tinnitus eine Hirnfunktionsstörung. Etwa 3 Millionen Menschen sind in Deutschland von dieser Störung betroffen.

Phyto ist nicht gleich Phyto

Es gibt keine spezifische Arzneimitteltherapie bei chronischem Tinnitus, laut der abgelaufenen, aber noch immer angewendeten S3-Leitlinie. Die kognitive Verhaltenstherapie hat die stärkste Empfehlung.

Zur Linderung der Symptome kommen Melatonin, Ginkgo biloba, Zink oder Nicotinamid (Vitamin B3) infrage. Die beste Evidenz aufgrund der Studienlage gibt es für Ginkgo, sagte Waldfahrer. Alle Studien seien mit EGb 761® (Tebonin®) gemacht worden, so dass die Empfehlung nur für dieses Präparat gelte. Die Einnahme sollte über mindestens 12 Wochen erfolgen, bei einer Dosierung von 2 x täglich 120 mg, dies sei am wirksamsten!

Auch Dr. Ursula Hagedorn

Die Apothekerin und Weiterbildungsdozentin für PTA und Apotheker, Frau Dr. Ursula Hagedorn, wies auf die wichtige Unterscheidung zwischen verschiedenen Phytopharmaka hin. „Wir Apotheker sind Naturwissenschaftler, das bedeutet: Wir mögen Studien! Aus diesem Grund empfehlen wir diesen Spezialextrakt und kämpfen dafür, dass nicht irgendwelche Präparate aus dem Drogeriemarkt verwendet werden.“ Das Schüren von Optimismus sieht sie auch, neben der kompetenten Beratung zur Arzneimitteltherapie, als wichtige Aufgabe der Apothekerin in der Betreuung von Tinnitus-Patienten. Wege aufzuzeigen, wie man aus dieser Falle herauskommen kann, sei sehr wichtig!